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B96n: Baubeginn für die neue B96 auf Rügen, Länge 20,4 Kilometer.
1. Bauabschnitt von Altefähr nach Samtens soll bis Ende 2013 fertig sein.

Kontroverse Meinungen: Bilder-News und viele Worte

Befürworter der B96n bei der Veranstaltung zum 1. Spatenstich:

Befürworter der B96n mit Schild "Endlich Baustart"

Auch Protest gegen den Baubeginn war am 15. Juni 2011 präsent:

Protest gegen die neue B96n: Rügen so nicht

www.kreidefelsen.de Informationsnetz Ostseeküste
© Fotos und Texte: Kreidefelsen GbR, Redaktion: Wolfgang Urban (ur)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Spaten beim 1. Spatenstich für die B96n

Massentourismus: Protest

Rügen-News vom 15. Juni 2011 (ur). Gestern veröffentlichten wir einen Aufruf der Bürgerinitiative RIO 96 und des NABU Rügen, in dem auf den heute vollzogenen symbolischen ersten Spatenstich zum Bau des ersten Abschnittes der B 96n am Verkehrsknoten bei Altefähr aufmerksam gemacht und zum Protest aufgerufen wurde. Zu lesen war u.a.:

Wir sagen: NEIN! Wir lehnen dieses Bauvorhaben in seiner (größen)wahnsinnigen, zerstörerischen Dimension ausdrücklich ab. Schließen Sie sich an! Kommen Sie morgen gegen 14.00 Uhr zum Kreuzungsknoten Altefähr (rügenseitig vor der Rügenbrücke) zu einer Aktion der Bürgerinitiative RIO 96 und der Umweltverbände NABU und BUND.

36 waren schließlich heute am frühen Nachmittag auf dem für den Protest zugewiesenen Platz präsent. Aus dieser Entfernung konnten sie mit ihren Protestrufen die Bühne akustisch nicht erreichen, von der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Politikern, Funktionären, Unternehmern und die B96n begrüßenden Bürgern u.a. sagte:

Ich bin heute sehr gerne hierhergekommen und habe auch sehr gerne Peter Ramsauer mitgebracht...

Wir sind sehr gerne heute hierher gekommen, um den ersten Spatenstich für die B 96n miteinander zu feiern. Die Schilder und Plakate zeigen: Hier ist viel gekämpft worden – weniger dagegen, sondern vor allen Dingen dafür. Ich bedanke mich bei allen, die dazu beigetragen haben, dass dieser erste Spatenstich heute stattfinden kann.

Verbundenheit und Verbindung hängen eng zusammen – das zeigt sich heute in ganz besonderer Weise. Denn wer sich Rügen verbunden fühlt, dem ist auch an einer guten Verkehrsverbindung zu und auf dieser Insel gelegen.

Mit dem heutigen ersten Spatenstich wird der Weg frei für ein lange diskutiertes Projekt. Es ist eine konsequente, logische Fortsetzung der Strelasund-Brücke, die wir vor dreieinhalb Jahren bei etwas niedrigeren Temperaturen eingeweiht haben. Das war damals ein Freudenfest für jeden, der die Staus vor den geschlossenen Schranken der alten Rügen-Brücke tüchtig satt hatte.

Und dennoch, bis heute heißt es an vielen Tagen: Problem verschoben, aber nicht behoben. Denn auch wenn die Ortsumgehung von Stralsund genutzt wurde und die Fahrzeuge die neue Brücke zügig passiert haben, bleiben sie nicht selten auf der verstopften alten B 96 im Verkehr stecken. Wir hatten gerade Pfingsten. Ich glaube, das waren wieder solche Tage.

Deshalb war schon immer, seit dem ersten Projektgedanken, klar: Strelasund-Querung und B 96 müssen zusammen gedacht werden; beides bildet eine Verkehrseinheit. Nun ist Licht am Ende des Tunnels. Das Warten hat bald ein Ende – nicht nur das Warten auf eine neue Straße, sondern auch das Warten im Stau.

Rügen gewinnt mit der neuen B 96 eine leistungsfähige Anbindung an das überregionale Verkehrsnetz. Das bedeutet eine ganze Reihe von Verbesserungen, die man bildlich wie wörtlich er-fahren kann.

Da sind zunächst die Bewohner von Altefähr, Samtens und Rambin. Bei ihnen herrscht vor allem in Urlaubswochen dicke Luft, wenn sich bis zu 25.000 Fahrzeuge am Tag vor ihrer Haustür vorbeiquälen. Deshalb begrüße ich außerordentlich, dass die neue Trasse der B 96 auch zwei Ortsumfahrungen umfasst. Eine weitere wird später in Bergen hinzukommen. Das bedeutet: Weniger Durchgangsverkehr und mehr Lebensqualität.

Hinzu kommen die vielen Urlauber und Besucher. Sie werden es natürlich zu schätzen wissen, wenn kostbare Urlaubszeit nicht auf verstopften Straßen vergeudet wird, sondern am Strand oder am Urlaubsort verbracht werden kann.

Neben dem Tourismus zieht auch die Wirtschaft auf der Insel insgesamt erheblichen Nutzen aus der neuen Straße. Hier möchte ich ganz besonders den Fährhafen Sassnitz nennen, für den diese Anbindung geradezu lebenswichtig ist. Die kürzesten Seeverbindungen von Deutschland nach Skandinavien, Russland und in die baltischen Staaten, zahlreiche Fährverbindungen und ein sich gut entwickelnder Güterumschlag – all diese Gegebenheiten lassen sich erst durch eine moderne Anbindung an das internationale Straßennetz richtig nutzen.

Deshalb sind aller guten Dinge drei: A 20, Strelasund-Brücke, schließlich und endlich die neue B 96. Alle, die sich hier auskennen, wissen, dass wir uns mehr als 20 Jahre mit diesen Themen beschäftigt haben. Aber in diesem Fall wird alles realisiert. Das ist doch wirklich eine Erfolgsgeschichte. Damit wird für Rügen die Ampel auf Grün springen, künftig wird mehr wirtschaftliche Dynamik des Ostseeraums an dieser Insel anlanden...

Die vollständige Rede hier: Bundeskanzlerin Angela Merkel zur B96n

Die andere Sicht kommt in der heutigen Mitteilung von NABU und BUND zum Ausdruck, die den folgenden Titel hat:

"Umweltverbände für rügenverträgliche Verkehrsentwicklung / Protest gegen rückschrittlichen Straßenwahn und Millionengrab auf Rügen"

Nachfolgend der Wortlaut der oben genannten Info von NABU und BUND:

Mit dem symbolischen Spatenstich zum Bau des ersten Abschnittes der B 96n auf der Insel Rügen wird „ein verheerendes Signal rückwärtsgerichteten Denkens“ gesetzt. Das ist die Einschätzung der Umweltverbände NABU und BUND.

Die Umweltverbände protestieren deshalb heute am Ort des Spatenstichs auf Rügen ge-meinsam mit der Rügener Bürgerinitiative RIO 96 für eine andere Verkehrswegeentwicklung, die das wertvollste Kapital, das Rügen in die Zukunft mitnehmen kann, seine beein-druckende, durch nichts zu ersetzende Natur und Landschaft, bewahrt.
Marlies Preller vom NABU Rügen: „Der Weg zu einer tragfähigen Mobilität für Wirtschaft, Bewohner und die große Zahl der Touristen wird niemals über derartig überzogene, giganti-sche Verkehrsmonster wie die geplante neue Trasse erreichbar sein. Im Gegenteil, sie schafft neue, größere Probleme durch die bereits prognostizierte Zunahme der Verkehrs-dichte auf der saisonal ohnehin überlasteten Insel!“

Wenn die 30.000 für das Jahr 2020 avisierten Fahrzeuge auf der neuen dreistreifigen Bun-desstraße kämen, wäre diese Verkehrsbelastung im nachgeordneten Straßennetz der Insel nach Ansicht der Umweltverbände unzumutbar. Der Verkehrsplanung des Landes fehle es aber an modernen Konzepten für kostengünstige, attraktive Angebote im Öffentlichen Per-sonennahverkehr, den besonders die Urlauber dankend annehmen und die gekoppelt mit intelligenten straßenbaulichen Lösungen das Problem lösen könnten. Stattdessen würde gerade auf Rügen für horrendes Geld immer mehr Landschaft der Urlaubsregion Nr. 1 des Landes unter Asphalt begraben werden. Marlies Preller: „ Für die Bausumme von 82 Millionen wäre jahrelang fahrpreisloser Busverkehr zu allen Orten der Insel und allen Guiness-Events für ganz Rügen möglich! Nach Fertigstellung der B 96n würden dann auf nur 25 km Strecke zwischen Stralsund und Bergen mehr als 200 Millionen Euro verbaut worden sein. Und das für eine Straße, die in einer Sackgasse endet! Die Verkehrsprobleme aber bleiben ungelöst.“

Die Umweltverbände sehen sich in der Rechtsbeschwerde des Bundes der Steuerzahler vor dem Bundesverwaltungsgericht bestätigt. Der Bund der Steuerzahler hatte beim Gericht moniert, dass die Dimensionierung der neuen B 96n auf Rügen auf falschen Verkehrsschätzungen beruht und sich dabei auf das aktuelle Gutachten von RegioConsult berufen. Der Bund der Steuerzahler ist der Auffassung, dass es zwingend notwendig ist, das Ausmaß der neuen B 96n und eine „Alternativlösung objektiv zu prüfen“.

Das Büro RegioConsult belegte im November 2010 in einem Gutachten, dass die zu Grunde gelegten Verkehrszahlen für Rügen unrealistisch hoch angesetzt wurden. In der auch dem Petitionsausschuss des Landtages vorliegenden Studie errechnet RegioConsult derzeit 16.400 Kfz/24h und schlussfolgert, dass dafür sogar ein zweistreifiger Ausbau mit Ortsum-fahrungen für Rambin und Samtens gerechtfertigt wäre.
Corinna Cwielag vom BUND: „Der Kompromiss, den die Verbände bereit waren, mit einem Ausbau der alten B96 auf drei Spuren einzugehen, würde damit bereits einen Luxus darstellen. Den würden wir angesichts der besonderen Situation von Rügen mit zwar rückgängiger Einwohnerzahl aber hohen Besucherzahlen von mehr als 1 Mio. Besucher pro Jahr tragen.“

NABU und BUND kritisieren die Landesregierung, welche die Verhandlungen mit den Verbänden mit dem Ziel einer Kompromisslösung bisher ins Leere laufen ließ. Corinna Cwielag: „Damit riskiert das Land nun einen Rückbau begonnener Baumaßnahmen, wenn die Verbände vom Verwaltungsgericht Recht bekommen.“ Nach Auffassung der Verbände wurde bei den Planungen europäisches Naturschutzrecht nicht ausreichend berücksichtigt. Mit der jetzt beabsichtigten Überbauung von Rast- und Äsungsflächen für wertgebende Zugvogelarten kommt es zu einer erheblichen Beeinträchtigung eines EU-Vogelschutzgebietes und dessen Erhaltungszielen. „Das ist juristisch höchst relevant.“, sagt Corinna Cwielag vom BUND.

Marlies Preller: „Das Ausmaß der Bauvorhaben wird den Besuchern der heutigen Straßenshow sehr anschaulich vor Augen geführt. Die ersten Hektar von über 300 ha, die der landwirtschaftlichen Nutzung durch die B 96n entzogen werden sollen, wurden im geplanten Trassenverlauf in die fast erntereifen landwirtschaftlichen Kulturen geschlagen. Kein wahrhaft guter Anblick und wenig Grund zu Jubelfeiern. Aber im September stehen Wahlen an und populistisches Trommeln ist allerorts zu vernehmen. Da stört es wenig, wenn Rügen dabei massentouristisch verhökert oder verkehrspolitisch abgewirtschaftet wird. Das ist das Stück aus dem Tollhaus - auf der Titanic wird gefeiert bis zum Untergang!“

Kontakt:
Marlies Preller, NABU Rügen, Tel. 0176/ 80273090, NABU.ruegen@t-online.de, www.NABU-ruegen.de
Corinna Cwielag, BUND MV, Tel. 0178/ 5654700, corinna.cwielag@bund.net, www.bund-mv.de

Auf einem Foto vereint, aber kontroverse Auffassungen zur B96n:
Marlies Preller, NABU Rügen und MV-Ministerpräsident Erwin Sellering

Marlies Preller und Erwin Sellering

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