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Urlaub an der Ostsee auf der Insel Rügen
Robben an Rügens Küste früher und heute

Bartrobbe in einer Reuse vor Lobber Ort (Foto: K. Harder)

© der nachfolgenden 5 Beiträge: Dipl.-Biologe Klaus Harder

Robbenarten an der Ostsee

Robben an der Ostsee und auf Rügen

Seehunde im Putbuser Schlo«teich

Die Jagd auf Seehunde

Robben und Seehunde heute

Weitere Literatur

 


Kegelrobben-Projekt gescheitert auf der Insel Rügen

Robbenarten in der Ostsee

In der Ostsee leben drei Robbenarten, die alle zur Familie der Hundsrobben gehören.
In der Reihenfolge ihrer Häufigkeit an der deutschen Ostseeküste sind das:

  • die Kegelrobbe (Halichoerus grypus),
  • der Seehund (Phoca vitulina) und die
  • Ringelrobbe (Phoca hispida).

Letztere Art, die vor allem im Bottnischen und Finnischen Meerbusen vorkommt, ist bei uns nie heimisch gewesen, tritt aber relativ häufig als Irrgast auf:
von 1982 bis 1989 gab es zehn Nachweise in Form von Beobachtungen, Fang in Reusen oder Totfunden.
Eine zoologische Sensation war am 18. September 1991der Erstnachweis einer Bartrobbe (Erignathus barbatus), die sich in einer Reuse vor Lobber Ort gefangen hatte.
Diese im Nordatlantik beheimatete arktische Robbenart wandert nur selten nach Süden, so fand man 1914 eine Bartrobbe an der Küste des Kattegats bei Uddevalla in Schweden.
Unsere Beobachtungen und Fotobelege sind der erste und bislang einzige Nachweis eines solchen Irrgastes aus dem hohen Norden in der Ostsee.

Robben in der Ostseefauna und um Rügen

Robben waren und sind ein typischer Bestandteil der Ostseefauna.
Sei jeher wurden sie von den Küstenbewohnern gejagt.
Auf Rügen fand man Robbenknochen in den Überresten steinzeitlicher, bronzezeitlicher und jungslawischen Siedlungen bei Lietzow, Ralswiek und Zierkow sowie in der Burganlage Arkona; die vorherrschende Art ist dabei die Kegelrobbe.
Die vorpommersche und insbesondere die rügensche Küste ist für das Vorkommen von Seehund und Kegelrobbe insofern von besondere Bedeutung, als sich hier die Verbreitungsgrenzen beider Arten überschneiden; besonders in der Beltsee trifft man vor allem den Seehund, östlich von der Arkonasee vorwiegend die Kegelrobbe an.
Im Greifswalder Bodden lebten früher beide Arten, und man konnte sie bis Ende des vorigen Jahrhunderts im Sommer gemeinsam auf dem Großen Stubber beobachten; heute gibt es einen solchen Ort noch an der südschwedischen Küste auf Makläppen vor Falsterbo.

Die Unterscheidung beider Arten ist bei Freilandbeobachtungen recht schwierig und gelingt am ehesten nach der Kopfform (langgestrecktes Gesichtsprofil = Kegelrobbe, rundlicher Kopf = Seehund).
Zur Aufzucht der Jungen und zum Fellwechsel sucht der Seehund Sandbänke auf. Die Jungen der Kegelrobben dagegen werden im Februar, März auf driftenden Eisschollen geboren (das trifft bei entsprechenden klimatischen Bedingungen übrigens auch auf die Pommersche Bucht zu !), der Fellwechsel erfolgt auf Steinklippen.
Früher wurden die zur Familie der Hundsrobben gehörenden Arten meist nicht unterschieden und allgemein als Robben, Seehunde, Sahlhunde bezeichnet, plattdeutsch auch wohl blo« "De Sahl" genannt.
Deshalb gelingt es nicht immer, beim Studium alter Quellen zu rekonstruieren, um welche Robbenart es sich bei den Beschreibungen handelt.

Auf alten Rügenkarten findet man mehrere Ortsbezeichnungen, die auf den Aufenthalt von Robben hinweisen: die Saalsteine im Breeger Bodden, das Seehundsriff vor Granitzer Ort und das Saalsufer auf Klein Zicker.
Au«erdem gibt es eine ganze Reihe von Flurnamen mit Bezug auf den "Sahlhund" : Saälensteen, Saaler Urt, Saalreff, Saalsgrund, Saalsöwer, Saalsteine, Sölsöwer (EWE ,1959).

Um die Jahrhundertwende wurden in mehreren Veröffentlichungen Aufenthaltsplätze von Robben beschrieben. Bevorzugt waren offensichtlich die Küsten Südostrügens, insbesondere das Nordperd; aber auch von der Greifswalder Oie und aus dem Greifswalder Bodden gibt es entsprechende Schilderungen.
Eine ganz besondere Bedeutung hatte der noch Anfang dieses Jahrhunderts als Insel vorhandene Große Stubber im Greifswalder Bodden.
Bereits 1859 beschrieb W. Schilling, der Kustos des Zoologischen Museums der Universität Greifswald, dieses Eiland als einen Ort, an dem sich zur Paarungszeit der Seehunde im Juli/August 10 bis 12 Tiere aufhielten. Hier und auf dem Seehundsriff vor Granitzer Ort jagte er auch, um die wissenschaftliche Sammlung zu erweitern.
Kurzweilige Schilderungen davon finden sich in seinem "Hand- und Lehrbuch für angehende Naturforscher und Naturaliensammler" (1859).
An der ostrògenschen Küste beobachtete er zuweilen Massenansammlungen von 40 bis 50 Kegelrobben, die hier gro«e Findlinge zum Fellwechsel aufsuchten.

Seehunde im Putbuser Schloßteich

"Seehunde" im Putbuser Schlo«teich - ein Witz oder Wirklichkeit ?
Im Kapitel "Die Seehundssteine" seines Rògenbuches schreibt Wolfgang Rudolph, da« um 1911 "Seehunde" òber einen Fischländler aufgekauft und im Putbuser Schloßteich ausgesetzt wurden.
Der Putbuser Ortschronist, Hans-Joachim Meinke ging dem nach und erfuhr von Horst Dubbert aus Bergen, dass dessen Großvater Herr Krohn in etwa 5 m x 5 m großen Käfigen, die abgezäunt in der Uferzone des Schloßteiches nahe dem Marstal eingesetzt waren, tatsächlich Robben gehalten hatte.
Wegen des Geheuls der Tiere soll sogar der Leiter der fürstlichen Baukanzlei aus dem Gebäude am Marstal in eine Wohnug an der Kirche umgezogen sein.

Au«erdem haben die "Seehunde" wohl auch die Schwäne vergrämt und fielen deshalb in Ungnade. Da« Robben mit Wasservögeln in Konflikt geraten können, belegt ein 1971 von Ornithologen in der Lübecker Bucht beobachteter Vorfall: dort fing eine Kegelrobbe einen Mittelsäger, tötete und rupfte ihn. Ähnliche Probleme kann es im Putbuser Schloßteich gegeben haben, und irgendwann hat man sich dann für die Schwäne entschieden, die "Seehunde" eigneten sich wohl besser als Jagdbeute der Trophäenjäger.
Wie viele Tiere und wie lange sie in Putbus gehalten wurden, ist nicht bekannt.

Die Jagd auf Seehunde

Die Jagd auf "Seehunde" gehörte früher auch an der rügenschen Küste zu den beliebten Zerstreuungen von Sportjägern und Badegästen.
So berichtet Hinkelmann 1886 in den "Mitteilungen der Sektion für Küsten- und Hochseefischerei", da« man bei Rügen eigens Seehundjagden in gro«en Revieren verpachtete und da« die "waidmännische Hege der Hunde" eine der Hauptursachen fòr eine (sogenannte) Seehundplage sei.
Nach Herr Meinke, den wir bereits zitierten, wollten Wreechener Fischer fòr den im Herbst 1866 als Gast des Fürsten in Putbus weilenden späteren Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, eine "Seehundjagd" auf dem Großen Stubber im Greifswalder Bodden organisieren; mðglicherweise verhinderten die Herbststòrme die Ausführung dieses Vorhabens, über dessen Planung und Scheitern es leider keine zeitgenðssischen Berichte gibt.
Auf alle Fälle sind auch diese Schilderungen ein Beleg dafür, dass Robben früher um Rügen recht häufig waren.
Erst durch intensive Verfolgung wurden sie zwischen 1880 und 1920 von den deutschen Küsten verdrängt. Der Deutsche Seefischerei-Verein zahlte zeitweise für jedes gefangene beziehungsweise erlegte Tier eine Prämie von 5 Mark.
Besonders in den Wintermonaten, wenn der Fischfang mehr oder weniger ruhte, widmeten sich die Fischer dem "Seehundfang".
Von Freester Fischern ist bekannt, da« sie in den Jahren 1903 bis 1906 dazu Stðrnetze einsetzten und 24 Tiere fingen. Vor der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht verwendete man erfolgreich eine spezielle Seehundreuse.
Als man die Anschaffung eines solchen Gerätes auch für den Regierungsbezirk Stralsund erwog, war es aber bereits zu spät: die Zahl der Robben war hier so stark zuròckgegangen, da« sich die Ausgaben für die Reuse nicht mehr lohnten. Deshalb betrieb man an Rügens Küsten vor allem mit der Schußwaffe die Robbenjagd.

Der P‘chter der Insel Vilm Fðrster a.D. Witte, schoß um die Jahreswende 1903/04 drei "Seehunde". Für ein 1905 erlegtes Tier konnte er kein Belegstück (Unterkiefer) beibringen, weshalb der Oberfischmeister in Stralsund die Zahlung der Schußprämie in Hðhe von 5 Mark verweigerte; Witte war darüber so verärgert, dass er nie wieder einen erlegten "Seehund" meldete.
Infolge der rücksichtslosen Bejagung der Robben verwaisten die Aufenthaltsplätze auf dem Großen Stubber, auf dem Seehundsriff und am Nordperd und wurden seither nicht wieder besiedelt.

 

Robben und Seehunde heute

Wenn wir heute Robben in den rògenschen Gewässern und an der rügenschen Küste antreffen, sind es wandernde, beziehungsweise verirrte oder mit Meeresstrðmungen angetriebene Tiere.

Kegelrobben stammen meist von der schwedischen Schärenküste, oftmals handelt es sich um neugeborene Robben (20 Nachweise an der mecklenburgisch - vorpommerschen Kòste seit 1950).
Am 20.3.1989 geriet eine junge Kegelrobbe in eine am Gro«en Stubber aufgestellte Reusen und ertrank.
Das mit einer Flossenmarke aus dem Naturhistorischen Reichsmuseum Stockholm versehene Tier war Anfang Februar in Forsmark, 150 km nðrdlich von Stockholm geboren und Ende Februar vor der Südspitze Ölands freigelassen worden; es wurde vom Deutsche Museum fòr Meereskunde und Fischerei in Stralsund geborgen
Insgesamt wurden rund um Rügen von 1950 - 1996 51 mal Kegelrobben beobachtet und 31 als Totfunde erfa«t.

Vom selteneren Seehund gibt es in dieser Zeit nur 4 Beobachtungen und 18 Totfunde.
Da diese Robbenart zur Zeit vor allem die Sandbänke um die dänischen Inseln belegt, zum Beispiel bei Gedser, trifft man Seehunde häufiger am Westufer des Darß und in der Wismarbucht an.
Ihr Bestand nimmt nach der Phocine-Distemper-Virus-Epidemie (PDV) in den Jahren1988/89 sowohl in der Nord- als auch in der Ostsee wieder zu. Seit 1992 finden wir vor allem im Sommer auch an der rügenschen Küste wieder häufiger tote Seehunde, die bei entsprechenden Wind- und Strðmungsverhältnissen von den d‘nischen Inseln dort angetrieben werden.

Die meisten Totfunde gelangen zur Untersuchung und Ermittlung der Todesursachen in das Meeresmuseum Stralsund. Aus der Fettschicht und aus den inneren Organen gewonnene Proben werden zur weiteren Untersuchung - zum Beispiel auf Schadstoffe - an Spezialinstitute weitergeleitet.
Besonders besorgniserregend waren die Ergebnisse der Untersuchung eines 32 Jahre alten Kegelrobbenweibchens, das am 11. Dezember 1991 unterhalb des Kðnigsstuhles bei Sa«nitz tot aufgefunden wurde.
Die Kontamination mit chlorierten Kohlenwasserstoffe war bei diesem Tier au«erordentlich hoch und lag weit über den bisher gemessenen Hðchstwerten bei Seehunden aus dem Wattenmeer der Nordsee. Diese Umweltschadstoffe sind fòr ein spezielles Krankheitsbild bei den Ostseerobben das Baltic Seal Deases (BSD), verantwortlich.
Vor allem in den späten siebziger Jahren wurden starke pathologische Ver‘nderungen registriert. Etwa seit 1987 ist - vorrangig bei jungen Robben - eine Abnahme der hohen Schadstoffkonzentrationen und damit einhergehend eine Verbesserung des Gesundheitszustandes zu verzeichnen (HARDER, 1996).

Die Bestände der Kegelrobbe wachsen besonders in der nðrdlichen und mittleren Ostsee langsam wieder an. Nur in der südlichen Ostsee gibt es keinen Zuwachs. Somit erfolgte bisher auch keine Wiederbesiedlung historischer Verbreitungsgebiete.
Eine Ursache dafür ist sicher die intensive wirtschaftliche und touristische Nutzung der Kòste und der Küstengewässer durch den Menschen und die damit verbundenen Beunruhigungen der Tiere.
Wenn alle Ursachen bekannt sind und die Tiere in Schutzzonen ungestðrt leben kðnnen, werden die Rüganer und ihre Gäste vielleicht bald wieder häufiger Robben an Rügens Küste beobachten.

Literatur:
Ewe, H.: Die Flurnamen von Rügen und ihre geographische Bedeutung für die Insel. Dissertation. Greifswald 1959
Harder, K.: Zur Situation der Robbenbestände. In: Warnsignale aus der Ostsee. Parey Buchverlag Berlin 1996
Rudolph, W.: Die Insel Rügen. Ein Heimatbuch. Hinstorff Verlag Rostock 1955
Texte:
Neue Sundine (1862): biederer Seehund (Zeitungsnotiz)
Gròmbke: Insel Rògen (1819): Saalhund (Abschn. aus dem Buch)
Ausschnitt des von Fischmeister Karl aus Neuendorf bei Lauterbach geführten Nachweisbuches über die Robbenjagd im Greifswalder Bodden

Siehe auch
Meeresmuseum Stralsund
Robben und Seehunde an der Vorpommerschen Küste
Belohnung bei Fund von Robben und Walen
Walfund und Schwertfisch im Netz (1999 mit Fotos)

 


 

Hochzeitsfotografie auf der Insel Rügen

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